ChatGPT: das Ende der akademischen Bildung?

Ich sage es gleich vorweg: Ich bin kein Freund von Endzeit- und Verschwörungstheorien, und den typisch deutschen Kulturpessimismus teile ich mentalitätsbedingt nicht. Meine persönlichen Erfahrungen mit der KI, und dabei insbesondere mit dem "Pionier" ChatGPT von OpenAI, sind fast durchweg positiv: formale Arbeitsabläufe werden effizienter abgewickelt, Unterrichtsmaterial (Impulsbilder, Visualisierungen, kurze Info-Texte etc.) erstelle ich nach meinen Vorstellungen in nie gekannter Brillianz - in einem Bruchteil der Zeit. Auch die deutschstämmige KI DeepL, die inzwischen längst nicht nur die Sprachen Deutsch und Englisch, sondern nahezu alle relevanten Sprachen dieser Erde mustergültig beherrscht, hat meinen Workflow deutlich verbessert.

Dennoch muss auch der größte Optimist anerkennen, dass es seit dem Aufkommen computergestützter "Alleskönner" ein Problem speziell für die Schule gibt: den Plagiarismus, wozu wir bereits einen Text unter der provokanten Überschrift "PlagiatGPT" verfasst hatten. Die in der Schweiz ansässige Tageszeitung Neue Zürcher berichtete nun unlängst von systematischen Erhebungen zum Gebrauch der diversen KIs unter Studenten einer schweizerischen Hochschule. Die dort erhobenen, alarmierenden Daten dürften grundsätzlich repräsentativ und somit vergleichbar für deutsche Schulen und Universäten sein.

Ein Beitrag im «NZZ Folio» (hinter einer Bezahlschranke) zeichnet ein ernüchterndes Bild vom Einzug der künstlichen Intelligenz in die Hochschulen. An der Universität St. Gallen etwa verfassen Studenten ihre Arbeiten mit KI und lassen auch die gegenseitigen Beurteilungen von ihr erstellen. Die Veranstaltung heißt ausgerechnet «Einführung in das wissenschaftliche Schreiben». Die KI benotet die KI – der Mensch reicht das Ergebnis nur noch ein.

Damit verliert die klassische Hausarbeit ihre Funktion. Ihr eigentlicher Zweck war nie der bedruckte Papierstapel, sondern der geistige Weg dorthin: recherchieren, lesen, zweifeln, argumentieren und aus unfertigen Gedanken verständliche Sätze machen. Seit ChatGPT kann ein überzeugendes Ergebnis jedoch entstehen, ohne dass dieser Lernprozess stattgefunden hat. Anders als ein Plagiat hinterlässt der individuell erzeugte KI-Text keine eindeutige Spur. Detektoren sind unzuverlässig, Verbote kaum durchsetzbar.

Auch vermeintlich sichere Alternativen helfen nur begrenzt. KI kann authentische Lerntagebücher einschließlich Irrwegen, Arbeitskrisen und leicht panischer E-Mails an den Betreuer erfinden. Sie kann mehrere Entwicklungsstufen einer Arbeit simulieren und anschließend noch den vorgeschriebenen Reflexionsbericht über ihren eigenen Einsatz verfassen. Selbst die Dokumentation des Lernprozesses wird damit fälschbar.

Besonders problematisch ist der Selbstbetrug. Wer sich Fachtexte zusammenfassen und Argumente ausformulieren lässt, spart Zeit und erzielt womöglich bessere Noten. Das flüssige Ergebnis erzeugt jedoch leicht die Illusion eigener Kompetenz. Eine im NZZ-Beitrag angeführte Langzeitstudie illustriert den Preis: Mit KI erledigten Schüler ihre Aufgaben schneller und erhielten bessere Noten; in beaufsichtigten Prüfungen verschlechterten sich ihre Leistungen innerhalb von sechs Monaten erheblich. Lernen braucht offenbar jene Reibung, die das digitale Universalwerkzeug beseitigt.

Die Hochschulen stehen deshalb vor einem kaum lösbaren Dilemma. Präsenzklausuren sind kontrollierbar, prüfen aber häufig vor allem reproduzierbares Wissen im AFB I. Längere Arbeiten könnten anspruchsvolleres Denken sichtbar machen, beweisen inzwischen jedoch nicht mehr zuverlässig, wer gedacht hat. Mündliche Prüfungen gewinnen wieder an Bedeutung, sind aber personalintensiv und subjektiv.

Die KI ist dabei nicht grundsätzlich der Feind des Lernens. Als persönlicher Tutor, Übersetzer oder Hilfe für Menschen mit Legasthenie kann sie enorme Chancen eröffnen. Gefährlich wird sie dort, wo sie nicht das Denken unterstützt, sondern es ersetzt. Wenn Hochschulen weiterhin bloß fertige Produkte bewerten, werden ihre Abschlüsse zunehmend bescheinigen, dass jemand KI bedienen kann – nicht, dass er sein Fach beherrscht.

Der Artikel geht sogar soweit zu mutmaßen, dass akademische Berufe ihre einst und bis heute hohe gesellschaftliche Reputation schlimmstenfalls einbüßen könnten. Umgekehrt würden handwerkliche und soziale Berufe an Bedeutung gewinnen, lassen sich doch viele filigrane, handwerkliche Tätigkeiten (Dachdecker, Elektriker, Zimmerleute tec.), aber auch karitativ-pflegerische und erzieherische Tätigkeiten kaum an Roboter delegieren. Niemand kennt die Zukunft; sicher ist, dass Schule und Universität vor gewaltigen Herausforderungen stehen, wie man sie vermutlich seit vielen Jahrhunderten nicht kannte. Sind wir bereit für den Wandel?